Pro und Contra Freifunk

Freifunk ist ein technisches und soziales Experiment. Es gibt auch unter Freifunkern keine einheitliche Meinung dazu, was Freifunk sein soll. Oft kommt die Nachfrage: "Ich brauche ein paar gute Argumente, warum mein Nachbar / mein Bäcker / ... bei Freifunk mitmachen soll, gebt mir einen Flyer der alles erklärt."

Diese Art Infomaterial gibt es (vielleicht sogar demnächst auch hier), aber wir finden es wichtig, dass Freifunker eigenständig denken und selbstkritisch bleiben. Deshalb haben wir hier eine Sammlung von Argumenten, Hoffnungen und Problemen. Nicht alle Versprechen sind überprüft oder haltbar und nicht alle Befürchtungen sind relevant.

WLAN staatlich fördern?

Welche Gründe sprechen für und gegen öffentliche Förderung bei Aufbau und/oder Betrieb von WLAN-Netzen? * Vgl. Stellungnahme Hessischer Landtag 2015

Chancen

Die öffentliche Förderung des Aufbaus und Betriebs von freien WLAN-Netzen liegt im staatlichen Interesse. Bürgerschaftliche WLAN-Infrastrukturen mit barrierefreien, einfachen Zugängen zu Informationen sind förderwürdig, weil sie das Gemeinwohl mehren. Nur solche kostenfrei nutzbaren WLAN-Netze ohne aufwendiges Anmeldeverfahren sind ohne deutsche Sprachkenntnisse und mit geringem Einkommen zugänglich. Neben dem allgemein bekanntem touristischen und damit wirtschaftlichem Mehrwert für Geschäftsleute bietet sich so u.a. für Flüchtlinge und sozial benachteiligte Personen die Chance zur digitalen Teilhabe. Freies WLAN im Wartebereich von Ämtern kann z.B. helfen, um sich zu informieren und so behördliche Prozessabläufe zu verbessern.

Besonders förderwürdig ist der Aufbau dezentraler stadtweiter WLAN-Netze (sog. "Mesh-Netze"), weil diese unabhängig vom Internet lokal funktionieren. Nicht nur im Katastrophenfall sind sie wertvolle resilente Ressourcen, die erforscht und erprobt werden sollten. Solche WLAN-Netze können unabhängig von internationalen Routen sichere und schnelle Kommunikation ermöglichen. Die Medienanstalt Berlin Brandenburg nutzt z.B. vorbildhaft freie Funknetze, um kostengünstig breitbandiges Bürgerfernsehen anzubieten.

Der Breitbandausbau auf dem Land und außerhalb kommerziell interessanter Innenstadtbereiche bedarf einer gezielten öffentlichen Förderung, weil hier marktwirtschaftlich kaum Investitonsanreize bestehen. Gemeinnützige WLAN-Bürgernetze stellen hier eine kostengünstige Lösung dar, die digitale Spaltung zu verhindern.

Gefahren

Gegen den Betrieb zentraler WLAN-Netze durch Behörden, oder die Subventionierung kommerzieller Hotspot-Monopolisten, spricht die Gefahr der Etablierung antidemokratischer Überwachungsstrukturen und verbraucherfeindlicher Geschäftsmodelle. Bestimmte WLAN-Netze sind in der Lage, individuelle Bewegungsprofile und komplexe Metadatenbanken zu erstellen. Daher ist bei der Ausgestaltung von WLAN-Förderung auf bürgerschaftlichen Betrieb, Datensparsamkeit, anonyme Nutzung und Netzneutralität zu achten, wie es z.B. im Freifunk praktiziert wird.

Förderinstrumente

Welche Instrumente der Förderung existieren? Welche sind Ihnen bekannt? Welche Formen der Förderung wären denkbar?

  • Generelle Anerkennung von Freifunk als förderwürdige Initiative
  • Liberalisierung der Gesetzgebung zu Gunsten privater WLAN-Betreiber (Ausdehnung der Providerprivilegierung, Schaffung von Rechtssicherheit)

  • Förderung wissenschaftlicher Forschung (zu Mesh-Netzen, freier Router-Software und innovativer Netzwerkprotokolle)

  • Staatliche Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Freifunk-Initiativen (Übernahme von Internet-Verträgen in Flüchtlingsunterkünften und sozialem Wohnungsbau)
  • Wettbewerbspolitik und Regulierung zur Begrenzung von Quasi-Monopolen im Telekommunikationsbereich
  • Pilotprojekte mit städtischen und kommunalen Freifunk-Netzen
  • Schaffung freier WLAN Zugänge in öffentlichen Gebäuden

  • Förderung beim Ausbau des WLAN-Backbones (Zugang zu Dächern öffentlicher Gebäude zwecks Installation von Richtfunk-Geräten)
  • Unterstützung bei handwerklichen Arbeiten (z.B. elektrotechnischer Leitungsverlegung, Erfüllung von Brand-, Blitz- und Denkmalschutzauflagen)

Freifunk Vorteile

Welche Vorteile ergeben sich durch Freifunk? Hier eine Sammlung auch für PR und Werbung.

Die Argumentation des FF Moehne

Die Freifunker in Moehne bewerben Freifunk so:

  • Nicht teilen ist Energieverschwendung (Ökologischer Wertekanon)
  • Flatrate ist doch schon bezahlt (Effiziente Nutzung des Überfluß)
  • Wärst du nicht auch gern mal Internet Gast (Generalisierte Reziprozität)
  • Einheits-WLAN heißt weniger Störfunk (Devianz-Vermeidung)
  • Gema Sperre auf youtube ausgehebelt (Nutzen-Mehrwert)

Die Vorteile für Surfer

  • einfach (ohne Mail-Registrierung, Gutscheincodes, SMS, Like-Button)
  • barrierefrei (auch mit älteren Geräten nutzbar)
  • diskriminierungsfrei (auch ohne deutsche Sprachkenntnisse)
  • keine künstlichen Limits (es wird gerecht geteilt)
  • keine Werbeeinblendungen
  • keine Erhebung von Registrierungsdaten
  • kein Datengehöker (von “anonymen” Nutzungs- oder Bewegungsprofilen)
  • Datenroaming innerhalb des Netzes (Wechsel zwischen Routern ohne Verbindungsabbruch)
  • Anreiz zur Nutzung verschlüsselnder Anwendungen/Dienste

Quelle: CC-by-sa 2015 Andreas Dorfer

Sammlung

  • VPN ist Anreiz ("incentive")
    • Störerhaftungsproblem umgehen (Sicherheit) "Freifunk mit VPN schützt dich vor Störerhaftung!"

  • WLAN im öffentlichen Raum (überall, für alle und günstig)

  • Technik Support durch Community → Man lernt neue Leute kennen

  • Unabhängig von den Monopolen → nicht kommerziell, kostenlose Nutzung
  • Stadtweites Mesh ist interessantes Technik Projekt für ITler

  • P2P Projekte im Mesh sind cool (z.B. ffnodegame Lübeck, Minetest.ffpb Paderborn)

  • Anonymer Internetzugang

  • Geringe Kosten für einen "normalen" Knoten
    • Strom-Betrieb pro Jahr ca. 5 Euro
    • Router ab 15 Euro (exklusive VPN und Uplink Kosten)
  • "anonym, kostenlos, unzensiert" (http://freifunk.net/worum-geht-es/vision/)

  • Standortvorteil für Unternehmer: "Es macht die Stadt attraktiver und hat einen Reiz – für junge Leute, die keine Flatrates haben, oder ausländische Besucher und mich kostet es nichts, außer dem Strom für den Router."
  • "Ohne Registrierung und Zeitlimit."
  • "Freifunk ist gemeinnützig und wird von ehrenamtlichen Helfern in Eigenengagement in Ihrer Freizeit aufgebaut und gewartet."
  • "Die Strahlenbelastung durch Freifunkrouter ist geringer als bei konventionellen Geräten." ]]http://www.taz.de/!86111/|Quelle: taz]]

  • "Datenverkehr ist gleichberechtigt, sodass Down- und Upload gleich schnell verlaufen." Quelle: taz

  • Offene WLANs sind "europäischer Standard", Störerhaftung ist deutscher Standortnachteil
  • Offene WLANs sind gut für Tourismus (Kommunaler Standortvorteil) und für's Geschäft (Privatwirtschaftlicher Vorteil)
  • "Spaß daran ein solches Netz auf zu bauen und zu betreiben. Mit allem drum und dran. Das ist ein häufiger Grund der organisierten Freifunker."

  • "Einer der weniger löblichen Gründe ist sicherlich das ein Freifunk-Router im Wohnzimmer hervorragend geeignet ist urheberrechtlich geschütztes Material ohne Zustimmung des Urhebers zu nutzen und zu verbreiten (Filesharing etwa) Die eigene IP wird nicht gezeigt da der Router via VPN im Freifunknetz hängt und da dieses von einem Provider betrieben wird kommt niemals ein Brief vom Abmahnanwalt an"

  • "Geld sparen ist auch so ein Grund. eine große Leitung kostet unterm Strich weniger als zwei oder drei kleine Leitungen. Also tut man sich mit ein paar Nachbarn zusammen und verteilt die eine große und gemeinsam finanzierte Leitung via Freifunk untereinander da das schon fast das einfachste ist."

  • FF hilft bei nicht vorhandenem Breitbandnetzausbau in dünner besiedelten Gegenden.
  • FF stabilisiert mit unterschiedlichen Uplinks in einem Mesh den Internetzugang z.B. bei Kabelbruch eines Providers

Freifunk Probleme

Welche technischen und sozialen Probleme existieren im Freifunk?

technisch

  • Kommerzielle VPN Anbieter drosseln/exkludiern manchmal durch AGB Änderung Freifunk
  • "Gateways sind die Hürde am Anfang!" (stabil, dhcp, dns)
  • Funkverbindungen zwischen den Knoten müssen gute Sichtverbindung haben (→ Fresnel Zone)
  • ISM Frequenzband wird gestört durch Mikrowellenherd, Alarmanlagen, Autotüröffner, Nachbar-WLAN...
  • "Die für WLAN verwendeten Funkfrequenzen im 2.4 und 5 GHz (ISM-)Band benötigen auf Grund ihrer technischen Charakteristika ein hohe Dichte an Sende- und Empfangseinheiten (Accesspoints). Um mit dieser Technologie ein annähernd flächendeckendes Netzwerk zu installieren, müssen also eine Vielzahl von Accesspoints installiert und gewartet werden. Bei der durchschnittlichen Bebauungs- und Bevölkerungsdichte wären nach Experten-Schätzung mindestens ca. 100 Accesspoints pro Quadratkilometer nötig, um eine ausreichende Funkabdeckung dieses Gebiets zu erzielen. Dies verursacht trotz der an sich sehr preisgünstigen Hardware sehr hohe Installations- und Betriebskosten." → Kassel würde ca. 10.600 Knoten benötigen (ca. 200.000 Euro für Hardware ohne Uplink/VPN-Kosten)
  • Jürgen Neumann: "Um eine Region gut abzudecken, wird etwa alle 50 bis 100 Meter ein Router benötigt"
  • Freifunkrouter dicht nebeneinander stören sich aufgrund der wenigen verfügbaren Funk Kanäle (4-5 im 2,4GHz Band)
  • 5GHz Band kann Wetterradar stören, daher kein legaler Outdoorbetrieb mit nicht zertifizierter Software (gluon) in Flugsonderzonen
  • Zentrale Infrastruktur (VPN) ermöglicht zentrale Angriffe Vgl. Ansbach Hack

  • IPv4 ist bei Gluon von der DHCP Vergabe eines zentralen Gateway-Servers abhängig http://public-ip.org/sendung-354.html

  • Freifunk ist langsam, u.a. weil das Batman adv Routing kein Loadbalancing beherrscht → Bandbreiten paralleler Uplinks werden nicht(!) addiert. https://forum.freifunk.net/t/gibt-es-im-mesh-ein-loadbalancing/4223/1

  • Freifunk ist langsam, u.a. weil die Standard Billig-Router zu wenig Rechenleistung haben, um die fastd Verschlüsselung schneller als mit ca. 8MB/s zu betreiben. → Lösung: Offloader

  • "Adhoc Modus funktioniert oft nicht auf allen Clients"
  • Ohne Backbone können Mesh-Inseln nicht per Funk verbunden werden, aber eine Backbone braucht professionellere und teurere Hardware
  • Die angesurften URLs sind im FF-Mesh im Klartext sichtbar (DNSLeak) → "Als Freifunker kennst du alle sexuellen Vorlieben deiner Nachbarn." http://www.taz.de/!86111/

  • Smartphones rufen automatisch email ab, sobald eine WLAN-Verbindung besteht. Wenn sie nicht richtig konfiguriert sind werden Zugangsdaten sozusagen 'aus Versehen' preisgegeben. (→ Portsperren für POP3, IMAP und SMTP vs. Netzneutralität)

sozial

  • Es besteht eine Haftungsgefahr für Freifunker (Täterhaftung/Störerhaftung) http://freifunkstattangst.de/Juristische Situation

  • Wenn FF Knoten Leute anzieht, kann der Betreiber belagert werden ("Müllproblem im Eingang")
  • Allmende Problem: Gefahr der Übernutzung (torrent, HD streaming) erfordert traffic shaping → Konflikt mit Pico Peering Agreement / Netzneutralität

  • Gesundheitliche Ängste in Teilen der Bevölkerung: "FF macht Elektrosmog" Quelle: Bundesregierung

  • "Durch Anonymität der Nutzer können Straftaten begangen werden"
  • Hohe Standorte wie Kirchtürme sind besonders beliebt, weil dann weniger Häuser oder Bäume die Signale blockieren können. Hier konkurrieren die Freifunker mit etablierten Internetprovidern, die oftmals attraktive Standorte schon für ihre Dienste besetzt und eine Basisstation errichtet haben.
  • Installationen an Kirchtürmen ist für konservative Kirchenmitglieder nicht vereinbar mit den Traditionen
  • Der Betrieb und die Wartung des Netzes insbesondere eines Backbones bedarf (unbezahlter?) Arbeit von Experten → Lösungsansatz: Smartadmin

  • Fehlende Service Qualitätsgarantie (QoS, SLA) schreckt Geschäftsleute und Exekutive ab → "wir wollen doch nur spielen" vs. "Und wer hilft wenn ein Router down ist?" → Lösungsansatz: Smartadmin

  • Breitband Allmende ist nur scheinbar unbegrenzt, da Flatrate-Modell durch Drosselung (z.B. O2, "Drosselkom") abgeschafft wird → weniger Bereitschaft zu teilen
  • Digitale Elite besitzt bereits LTE und UMTS
  • Blitzschutz auf Dächern erforderlich
  • Absprache mit Vermietern nötig wenn man offiziell aufs Dach will
  • Nur wenige Hauptentwickler für die Software (Busfaktor)

  • Sensibilisierung der FF-Benutzer für End-to-End Verschlüsselung (z.B. SSL) muss geleistet werden, für einige Services ist dies nicht möglich
  • Ein Freifunkknoten kann auch so aufgesetzt werden, dass er gegen die Freifunkideale verstösst und z.B. Daten loggt oder manipuliert. (Honeypot, tcpdump)
  • "Ich wurde gefragt ob ich der bin der Freifunk macht. Ob ich nicht das Endgerät der Tochter (15) Sperren könnte, denn die hat Internet Verbot bekommen. Ich sagte ja ich bin der mit dem Freifunk und nein ich kann keine Geräte sperren. Mal sehen was weiter passiert. Nen Kumpel der bei Freifunk Hamburg mitmacht wurde deswegen sogar schon von seinen Nachbarn bedroht und hat klein beigegeben und seine Knoten sind jetzt Offline." https://forum.freifunk.net/t/poweruser-clients-aussperren-61gb-in-vier-tagen/101/44

  • WLAN-SPAM "Unsecured WLANs lend themselves as spam relays and are virtually untraceable. With more companies and universities looking to WiFi for network connectivity, it seems that this particular spamming phenomenon will only get worse."

Kritik des Handelsverbands

Der Handelsverband begrüßt den Gedanken, dem das Modell „Freifunk“ zu Grunde liegt und auch das bürgerschaftliche Engagement der Betreiber. Aus unserer Sicht, kann das Modell „Freifunk“ für den professionellen Ausbau eines WLAN-Angebotes in Hessen aktuell allerdings keine Rolle spielen. Die (Rechts-)unsicherheit ist der Grund für diese Einschätzung. Das Modell „Freifunk“ bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone, da der Traffic über Server im Ausland geleitet wird und somit nicht das deutsche Recht Anwendung findet.

Handelsverband Hessen e.V. gegenüber dem Hessischen Landtag, 12.11.2015

  • Schwankende Geschwindigkeiten durch fehlendes Loadbalancing
  • Qualität der Hardware
  • Sicherheit für die Nutzer
  • Keine Kindersicherung oder Sperrung von Ports
  • Zentrale Infrastruktur (VPN) ermöglicht gezielte Angriffe

The Cloud Networks Germany GmbH über Freifunk

The Cloud Networks Germany GmbH (kommerzieller WLAN Betreiber) nutzt denselben Text wie der Handelsverband Hessen und fügt hinzu:

  • Keine Personenzuordnung durch Ausbleiben des Registrierungs-/Anmeldeverfahrens

    Für den öffentlichen/wirtschaftlichen Raum ist es unabdingbar, ein dediziertes WLAN-Netz eines Providers aufzubauen, welches alle rechtlichen und sicherheitsrelevanten Aspekte wahrt, sowie zusammen mit auskunftssuchenden Behörden zukunftssicher arbeitet.

    The Cloud Networks Germany GmbH, gegenüber dem Hessischen Landtag Nov. 2015

Position der Stadtwerke Marburg

Das Modell „Freifunk“ gewährleistet zwar auf technischer Ebene die Aushebelung der aktuellen Haftungsproblematik. Die Zielrichtung von „Freifunk“ ist zu begrüßen. Eine leistungsfähige Versorgung der gewünschten öffentlichen Räume kann auf dieser Basis (zufälliges Engagement einzelner) nicht gewährleistet werden. Wir sind der Auffassung, dass eine WLAN-Versorgung auf öffentlichen Plätzen und Räumen auch eine gewisse Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit haben sollte.

Markus Scholz, Stadtwerke Marburg, gegenüber dem Hessischen Landtag, 05.11.2015

Ansprache von Kooperationspartnern

Hier sind ein paar (bundesweite) Erfahrungen bei der Ansprache von Kooperationspartnern aufgelistet.

letzte Änderung am 27.11.2015, 14:30 und 4 Lesezugriffe/Tag